Aus Namibia nach Ostholstein
Eutin (aj). Den Schulabschluss hatte Raina Nahango in der Tasche, einen konkreten Plan, was nun kommen sollte, aber noch nicht im Kopf. Da kam ihm der Vorschlag seiner Tante, die in Hamburg lebt, gerade recht: Ein freiwilliges Ökologisches Jahr in Deutschland – warum nicht: „Ich wollte mit meinen Händen arbeiten, am liebsten in einem kleinen Team“, erzählt der junge Mann aus Namibia. Eine Anfrage beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) ergab den Kontakt zur Integrierten Station Holsteinische Schweiz in Eutin und schon bald saß Raino Nahango im Online-Vorstellungsgespräch: „Danach stand fest: Den hätten wir gern im Team“, berichtet Stationsleiter Carsten Burggraf. Ein erster Erfolg für den jungen Mann, denn eine solche Bewerbung ist kein Selbstgänger. Die Nachfrage ist groß, im Schnitt kommen sechs Interessierte auf eine Stelle, die jährlich zu besetzen ist. Raino Nahango überzeugte nicht nur auf die Distanz, er bestätigt den vielzitierten guten ersten Eindruck täglich aufs Neue mit Einsatzbereitschaft, Wissensdurst und einer ansteckenden Fröhlichkeit. Denn wie überall gilt: Es muss auch menschlich passen.
Dafür, dass sich die jungen Menschen schnell wohlfühlen und gut in ihre Aufgaben hineinwachsen, sorgt Jens Rethwisch. An seiner Seite erkunden die FJÖler*innen die von der Station betreuten Naturräume, lernen mit Werkzeug und Maschinen umzugehen, Floß und Bagger zu fahren: „Das hätte ich nicht erwartet“, erzählt Raino strahlend und er verhehlt nicht, dass er zunächst reichlich Respekt vor dem Gefährt hatte: „Aber jetzt gehört es zu den Highlights“, schiebt er hinterher. Seine Tage verbringt er in der Regel unterm freien Himmel. Die Integrierte Station ist unter anderem für Seen, Teiche, Tümpel, Fließgewässer, Auen und Moore als die typischen Lebensräume der Hosteinischen Schweiz verantwortlich. Für Raino hieß das: Auf dem Arbeitsfloß Inseln ansteuern – eine besondere Erfahrung, die ihm erste Winter-Erlebnisse bescherte: „Einmal habe ich meine Jacke vergessen, dann nie wieder“, sagt er. Der Eindruck, dass er alles Wissen aufsaugt, trügt nicht: „Ich bin ein neugieriger Mensch und ich komme von einem trockenen Ort“, so beschreibt er sich selbst. Sein Lieblingsplatz ist in Pelzerhaken am Strand, der erste Ort, an dem er im Einsatz war. Grundsätzlich begeistert ihn die Diversität der hiesigen Landschaft: „Das hat mich überrascht: so viele verschiedene Blumen, Farben und Pflanzen“, schwärmt er.
Einen Teil dieser Fülle zu systematisieren hat er sich für sein FJÖ-Projekt, das fester Bestandteil des freiwilligen Dienstes ist, vorgenommen: „Ich möchte einen phänologischen Kalender mit Blumen und Pflanzen erstellen“, erklärt. In einer solchen Übersicht sind nicht Tage und Monate, sondern die Entwicklungsabschnitte der Natur der Taktgeber. Das Ziel ist klar: „Ich will das Wissen, das ich hier erwerbe, weitergeben“, sagt Raino. Ein Vorhaben, das keine Grenzen kennt: „Ich habe die Mission, später auch in Namibia den Umweltschutzgedanken zu etablieren“, führt der FÖJler aus. Einen Leserbrief mit entsprechendem Thema habe er schon an die heimische Lokalzeitung geschickt: „And I won’t stop!“
Zunächst aber ist er ganz im Hier und Jetzt, genießt die Arbeit an den schönsten Orten der Region und an Plätzen, die nicht offen zugänglich sind. Und er schmiedet Berufspläne, würde nach dem FÖJ gern in Deutschland eine Ausbildung zum Elektriker beginnen: „Vielleicht finde ich einen Betrieb“, hofft er. Jens Rethwisch sorgt dafür, dass er nicht nur den Freischneider zu handhaben weiß und sich in der Konstruktion artgerechter Habitate für Reptilien übt, er „unterrichtet“ seinen Schützling auf den gemeinsamen Wegen auch in Landeskunde und Regionalgeschichte, nimmt ihn schon mal mit zum Basketball bei den Hamburg Towers und zusammen waren sie auf dem Weihnachtsmarkt. Da hat Heimweh kaum eine Chance, zumal Raino den Kontakt zu seiner Familie pflegt. Wenn er überhaupt etwas vermisst, ist es Mahangu, sein Lieblingsessen. Aber es gibt auch eine deutsche „Spezialität“, die es auf der Rückreise in den Koffer schaffen wird: „Toffifee!“, verrät Raino mit breitem Grinsen.
Ein halbes Jahr hat er noch vor sich, Zeit, die er nutzen wird, das steht fest. Für sein Team auf der Integrierten Station ist er ein Paradebeispiel dafür, dass ein FÖJ eine Bereicherung für alle ist – wenn die Betreuung stimmt: „Die jungen Menschen geben uns sehr viel, ihre Arbeitskraft und ein ganzes Jahr ihres Lebens“, betont Stationsleiter Carsten Burggraf. Raino Nahango ist der erste internationale FÖJler auf der Station: „Wir nehmen gern Bewerber*innen, die von weiter weg kommen und dann den Sprung von zu Hause schaffen“, erläutert Burggraf. Dieser Sprung ist Raino zweifellos gelungen und mit seinem Schwung reißt er alle mit.